„Geschlossene Anstalt?“ Die Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling in der NS-Zeit und im kollektiven Gedächtnis (Juristische Ahndung der NS-Medizinverbrechen)

Kurzbeschreibung des Forschungsprojekts

Die Beschäftigung mit den NS-Medizinverbrechen in den psychiatrischen Krankenanstalten ist für das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest) eine konsequente Fortsetzung der bisherigen Forschungs- und Vermittlungstätigkeit, denn zwischen den „Euthanasiemorden“ und der Vernichtung jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten bestehen chronologische Zusammenhänge und kausale Parallelen.

Die Ermordung sowohl von jüdischen als auch von „erbkranken“ bzw. als solchen kategorisierten Menschen gründete sich auf den pseudowissenschaftlichen Lehren der Eugenik und Rassenhygiene. Daraus entstand die „Utopie eines gesunden Volkskörpers“, den man durch das Ausmerzen von „lebensunwertem“ Leben und die Vernichtung von „Gemeinschaftsfremden“ zu erschaffen hoffte. Die Definition von gesund, behindert, zugehörig und fremd oblag den rassistischen Definitionen der NS-Behörden und Ärzte.

Ausgehend von der NS-Kategorie „lebensunwert“ setzen sich Schülerinnen und Schüler der ersten Klassen (17-jährige) des ALW der Fachschule Amstetten (NÖ) mit dem Konstrukt von „Behinderung“ auseinander. Entsprechend ihrem schulischen Schwerpunkt „Gesundheit und Soziales“ beschäftigen sie sich auch mit dem Berufs- und Menschenbild in der Pflege zur NS-Zeit. Nur etwa 10 Kilometer von ihrer Schule entfernt, in Mauer-Öhling, liegt das heutige Landesklinikum Mauer. 1902 als „Kaiser-Franz-Joseph-Landes-Heil- und Pflegeanstalt“ gegründet, war es mit seinen rund 2000 Betten die drittgrößte Klinik Österreichs, die im Rahmen der NS-„Euthanasie“ Patientinnen und Patienten in Tötungsanstalten deportierte oder intern ermordete. Obwohl nach derzeitigen Schätzungen durch diese Verbrechen etwa 1500 niederösterreichische Familien Angehörige verloren haben, wurde dazu noch wenig geforscht und kaum öffentlich diskutiert. Ein Hauptziel des Projekts ist daher herauszufinden, auf welchen Kanälen, durch welche Kontakte und Medien Informationen zu den Vorgängen in der Anstalt nach außen gelangen konnten. Eine aussagekräftige Quelle zur Beantwortung dieser Frage sind die Gerichtsakten zum sog. „Gelny-Prozess – dem Haupttäter Dr. Emil Gelny – im Juni 1948 in Wien.

Themenanregungen für VWA und Diplomarbeit

  • Im Juni 1948 standen zwei Ärzte und 21 Angehörige des Pflegepersonals aus den beiden niederösterreichischen „Heil- und Pflegeanstalten“ Gugging und Mauer-Öhling unter Mordverdacht an Patientinnen und Patienten vor dem Volksgericht Wien. Der nach dem flüchtigen Haupttäter sogenannte „Gelny-Prozess“ war mit über 90 Zeugenaussagen und einer breiten Beweisführung der wichtigste Versuch einer juristischen Ahndung der NS-Medizinverbrechen in Österreich. Anhand der teilweise in der wissenschaftlichen Literatur publizierten Prozessakten können Jugendliche mittels historischer Diskursanalyse die Rechtfertigungs- und Verteidigungsstrategien der Angeklagten, sowie die Praxis der Rechtsprechung der sogenannten „Entnazifizierung“ in der Zweiten Republik herausarbeiten.

Einstiegsliteratur

Literatur

  • Gerhard Fürstler, Peter Malina, „Ich tat nur meinen Dienst“. Zur Geschichte der Krankenpflege in Österreich in der NS-Zeit, Wien 2004.
  • Wolfgang Neugebauer, „Euthanasie“ und Zwangssterilisierung, in: DÖW (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, Band 3, Wien 1987, S. 632-682.
  • Michaela Gaunerstorfer, Die psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling 1938-45, Dipl. Arb., Univ. Wien 1989.
  • Herwig Czech, Von der „Aktion T4“ zur „dezentralen Euthanasie“. Die niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten Gugging, Mauer-Öhling und Ybbs, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Fanatiker, Pflichterfüller, Widerständige. Reichsgaue Niederdonau, Groß-Wien, Wien 2016, S. 219-266.
  • Philipp Mettauer, Die „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling in der NS-Zeit. In: Pflege Professionell Frühling 2017, 21-26. www.pflege-professionell.at.

Dokumentation

Links:

Spezialisierung

Besonders für AHS geeignet
Besonders für BHS geeignet
Projekt mit zusätzlichen Unterstützungsangeboten

Forschungsfeld: Juristische Ahndung der NS-Medizinverbrechen (z. B. „Euthanasie“) und „Entnazifizierung“ in Österreich nach 1945

Schlüsselwörter: NS, Nationalsozialismus, Medizinverbrechen, Jura

Übermittler der Themenanregung:
Institut für jüdische Geschichte Österreichs

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